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“Hier twittert Steffen Seibert”

Am 30. April 2011 stand frühzeitig fest: Borussia Dortmund wird Deutscher Fußballmeister. Trainer Jürgen Klopp und die Mannschaft wurden umjubelt und gefeiert, auch auf Twitter. Private Freuden am Wochenende, soweit in Ordnung – bis @RegSprecher Steffen Seibert jungenhaft in die Timeline säuselte:

'Glückwunsch, Jürgen Klopp und Borussia #Dortmund. Nach so einer überragenden Saison durfte es am Ende einfach keinen anderen Meister geben'

Das mag im ersten Moment nett klingen, doch etwas stört: es ist unklar, wer sich jetzt hier so volksnah gibt, die Bundesregierung, das Bundespresseamt, der Regierungssprecher oder der Bürger Steffen Seibert?

Seit einiger Zeit schon übt sich Merkels Regierungssprecher mit Erlaubnis der Kanzlerin und zum Unmut der Hauptstadtjournalisten in dem sozialen Netzwerk Twitter mit Mikroblogging. Warum auch sollte das Bundespresseamt diesen Kommunikationskanal im Rahmen seiner Informationsaufgaben nicht nutzen? Doch der
Glückwunsch-Kloppo-Tweed klingt eher nach Anbiederung an die Wählerschaft. Man mag einwenden, dass es doch zu begrüßen ist, wenn Politiker menschlicher auftreten und mehr Nähe zu den BürgerInnen aufbauen. Dass man hier in den sozialen Netzwerken punkten kann, haben Obamas Wahlkampf-Teams schließlich eindrucksvoll gezeigt. Doch Steffen Seibert ist kein Politiker, sondern ‘Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung und Sprecher der Bundesregierung’ und als solcher soll er Bürgerinnen und Bürger über die Politik der Bundesregierung informieren.

Ein anderes Beispiel: am 14. April 2011, dem Boys-Day, twittert Seibert an den User @Chr83 und Ministerin Kristina Schröder @schroeder_k:

Text des Tweeds: 'Das hätte ich mir für meine Söhne im Kindergarten mal gewünscht - einen männlichen Erzieher. Brauchen wir viel  häufiger.'

Völlig zurecht fragt sich der Blogger Oliver Bendel, was das nun zu bedeuten hat: “Warum brauchen wir männliche Erzieher viel häufiger? Sind die weiblichen so schlecht? Oder sind sie schlecht, weil sie weiblich sind? Spricht hier der Regierungssprecher oder der Vater? Oder der Mann?”.

In diesen Tweeds sind bestimmte Botschaften und Seiberts persönliche Befindlichkeiten in einer Weise vermischt, die ihn manchem User sympathisch machen mag, die jedoch mit seiner Aufgabe reichlich wenig zu tun haben. Dabei kommen Seiberts Tweeds meist im abgehackten Telegrammstil daher, als könnte er nicht bis drei zählen, wie z.B.: “Zurück aus den Ferien. Habe mir verboten, zwischendurch zu twittern, man will ja nicht süchtig werden. Ab morgen wieder Infos zur Politik.” Einfach süß.

Doch darum geht es schließlich in Twitter: Eigene Befindlichkeiten ausbreiten, sich originell geben, sich interessant machen – Aufmerksamkeit für die eigene Person ist (hier) eben alles.

Zwar heißt es immer, Twitter sei auch ein Informationsmedium, doch das stimmt immer weniger: Tatsächlich ist Twitter eine große PR-Maschine zur Generierung von Aufmerksamkeit – für Unternehmen und Institutionen ebenso wie für Individuen.

Dass Steffen Seibert sich mit seinem Twitter-Account auch gezielt individuell in Szene setzen will, geht schon aus seiner Profilbeschreibung dort hervor:

“Hier twittert Steffen Seibert, Sprecher der Bundesregierung und Chef des Bundespresseamtes (BPA). Tweets seiner Mitarbeiter/innen enden mit dem Kürzel (BPA).”

Sonst könnte die Beschreibung ja auch lauten:

“Hier infomiert das Bundespresseamt die Bürgerinnen und Bürger über die Politik der Bundesregierung.”

Das wäre für die User wahrscheinlich weniger interessant und unterhaltsam – und Steffen Seibert würde es wahrscheinlich auch viel weniger Spaß machen.

Dafür wäre es transparenter.