Beitrag

Schaf im Wolfspelz

Am 13. August ist Slutwalk in Deutschland.

Wenn die Aufmachung für viele Frauen derart wichtig ist, so weil sie
ihnen illusorisch sowohl die Welt als auch ihr eigenes Ich liefert.
(Simone de Beauvoir)

Von verschiedenen Anhängerinnen des SlutWalk habe ich gehört, es gehe der Bewegung nicht eigentlich darum, einen sexy oder landläufig gar als vulgär empfundenen Kleidungsstil zu verteidigen oder zu propagieren. Auch lässt sich beobachten, dass der Anteil an Frauen, die dem Marsch im ‚Schlampen‘-Outfit eine gewisse Medienwirksamkeit sichern, in Abhängigkeit von Ländern und Städten stark variiert: In Neu Delhi war frau deutlich weniger freizügig als in Toronto; in München – so die Organisatorinnen im Vorfeld – dürften die Kameras am 13. August weniger Haut vor die Linse bekommen als in Berlin. Und auf Nachfragen hin versichern viele Frauen schnell, dass sie selbst in ganz normaler Kleidung auflaufen würden, denn das Ideal, für das man kämpfe, sei letztlich universell:

1. Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist inakzeptabel.
2. Jede Frau soll das Recht haben, sich so zu kleiden wie sie will.

Da ein Zusammenhang zwischen Kleidung und Auftreten einer Person und ihrem relativen Risiko, vergewaltigt zu werden, bisher statistisch nicht nachgewiesen werden konnte, müssen wir – der Logik der Bewegung folgend – diese beiden Motivationsstränge also entkoppeln und davon ausgehen, dass der SlutWalk für beide Anliegen simultan eintritt. Genau an diesem Punkt verfällt die Bewegung meines Erachtens aber in einen double-bind, aus dem sie nur schwer wieder herauskommt.

Anlass zu Euphorie

Eins ist völlig unstrittig: Von der indischen Geschäftsfrau über die verheiratete Muslima bis hin zur Hotelangestellten aus Guinea sollte den Frauen, unabhängig von Alter, Status, kulturellem oder religiösem Hintergrund keine Gelegenheit zu schade sein, sich zu vereinen und gegen sexualisierte Gewalt auf die Straße zu gehen. Dass dies in Deutschland zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder der Fall ist und dass hier ein Anliegen wieder aufgegriffen wird, für das die Frauenbewegung seit den 70er-Jahren mit konstanter Beharrlichkeit eintritt, gibt Anlass zu Euphorie. Denn es genügt nicht, beim bisher Erreichten stehen zu bleiben: Beratungs- und Notrufstellen, Frauenhäuser, die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe seit 1997 – all das waren wichtige Schritte im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Und doch bleibt noch vieles zu tun, vor allem, weil in den letzten 20 Jahren die Bedingungen angesichts einer fortschreitenden Pornographisierung des öffentlichen Raumes nicht gerade leichter geworden sind.

Hier sind wir jedoch an dem Punkt angelangt, an dem die Bewegung sich in die Selbstwidersprüchlichkeit verstrickt. Denn es scheint mir viel zu kurz gegriffen, wenn man im Zusammenhang mit Vergewaltigung mögliche Ursache-Folge-Überlegungen nur in Bezug auf die einzelne Täter-Opfer-Relation hin anstellt, statt den Blick auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu lenken. Der eminente Einfluss einer pornographischen Ästhetik auf die Werbe-, Musik- und Modeindustrie findet sich exemplarisch gespiegelt z.B. in Dolce&Gabbanas Gang-bang-Kampagne, in der bis auf die sexy Highheels fast nackten Shakira im Käfig („She Wolf“) bis hin zu ungezählten frauenverachtenden Hip-Hop-Songs und Clips, mit denen Millionenumsätze erzielt werden. Zur unterhaltsamen Veranschaulichung der Mechanismen, die in der Musikindustrie am Werk sind, sei allen LeserInnen der ironische Hitgenerator mit eingebautem Profitkalkül ans Herz gelegt: Um Musik geht es hier jedenfalls schon lange nicht mehr! Immerhin lernen medienversierte Mädchen in unserer westlichen Welt schon sehr früh, was sie tun müssen, wenn sie einmal groß rauskommen wollen.

“So what?”

„So what?“ wird mir die überzeugte SlutWalkerin entgegnen. Mit welchem Recht urteile ich über die ästhetischen Präferenzen von Frauen?

Im zeitgenössischen medialen Horizont verweisen die Begriffe „Nutte“, „Hure“, „Schlampe“, deren positivierende Aneignung die SlutWalk-Bewegung intendiert, direkt auf die Komponente des Pornographischen. Es scheint hier also auch und nicht zuletzt um den Versuch einer Aneignung und Aufwertung pornographischer Ästhetik zu gehen und das, man höre und staune, angeblich getragen von ALLEN Frauen – also auch von denen, die in Jeans und Schlabberpulli am Marsch teilnehmen, weil sie guten Willens gegen sexuelle Gewalt und für vestimentären Liberalismus eintreten. Doch das Pornographische ist eben mitnichten ein Phänomen, das sich zum Gegenstand rein ästhetischer Präferenzen umdeuten ließe. Wäre das der Fall, dann würde es sofort an Attraktivität einbüßen, denn es lebt ja gerade nicht von der Repräsentation einer freien, gleichberechtigten Sexualität, sondern von der Inszenierung eines Machtgefälles. Der Nuttenlook ist das Zeichen, das genau hierauf verweist.

In ihrer Studie von 2004 beklagt Annette Sörensen bereits, “dass durch die neue Pornographieoffensive alte Geschlechtsrollenstereotype wieder Verstärkung erfahren und die großen Fortschritte der 90er Jahre, als Frauen in sehr vielfältigen Rollen – von der Mutter bis zur Unternehmerin – dargestellt wurden, unter der Vorherrschaft einer erschreckenden Wiederholung von als Objekten dargestellten sexualisierten Frauen einen heftigen Rückschlag erleben”. Viele Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Pornographiekonsum und männlicher sexueller Aggression gegen Frauen. Natürlich gibt es auch solche, die diese Zusammenhänge relativieren oder gar negieren, aber die vielleicht bekannteste unter ihnen wurde bezeichnenderweise von einem Erotik- und Medienunternehmer in Auftrag gegeben (die des Sexualwissenschaftlers Kurt Starke).

Es muss also die Frage erlaubt sein, ob eine sich mit Blick auf Medienwirksamkeit prostituierende SlutWalk-Bewegung nicht letztlich wieder dem anheimfällt, was sie selbst anklagt: Der – im Grunde ja erwartungskonformen – (Selbst-)Inszenierung der Frau als verfügbares Objekt männlichen sexuellen wie auch materiellen Interesses.

My body, my choice?

Und noch etwas: „Hijab, Hoody, Hotpants. My body, my choice!“ Mit dieser sicherlich gut gemeinten, großzügigen Geste ist frau um kulturübergreifende Integration bemüht. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass die Hijab-tragende gläubige Muslima bereit sein wird, sich für einen westlichen Kulturimperialismus unter der Ägide der ‚Schlampe‘ vereinnahmen zu lassen. Ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt wird sie also in einem anderen Kontext führen müssen. Die mit Migrationsfragen befasste Harsha Walia, Kanadierin asiatischer Abstammung, hat diesen blinden Fleck bereits aufgezeigt.

Ich befürchte, der SlutWalk ist gerade in seinem popularitätsverbürgenden Leitgedanken über die alte weibliche Dressurlogik der Selbsterniedrigung nicht hinausgekommen. Esther Vilar, die Stammmutter des gepflegten Frauenhasses, hat sie zynisch analysiert:

Spätestens mit zwölf Jahren – einem Alter, in dem die meisten Frauen beschlosssen haben, die Laufbahn von Prostituierten einzuschlagen, das heißt, später einen Mann für sich arbeiten zu lassen und ihm als Gegenleistung ihre Vagina in bestimmten Intervallen zur Verfügung zu stellen – hört die Frau auf, ihren Geist zu entwickeln. Sie lässt sich zwar weiterhin ausbilden und erwirbt dabei allerlei Diplome – denn der Mann glaubt, dass eine Frau, die etwas auswendig gelernt hat, auch etwas weiß (ein Diplom erhöht also den Marktwert der Frau) -, doch in Wirklichkeit trennen sich hier die Wege der Geschlechter ein für allemal. Jede Verständigungsmöglichkeit zwischen Mann und Frau wird an diesem Punkt abgeschnitten, und zwar für immer. („Der dressierte Mann“)

Sie finden das misogyn und destruktiv? Ich glaube nicht, dass es das wirklich ist. Vermutlich würde Esther Vilar den jungen Frauen auch heute noch empfehlen, sich den Mann zum Vorbild zu nehmen, denn der ist sexy und „schön“, weil er „denkt“!